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Nachgefragt bei Christa Glauser

01.09.2023Interview

Präsidentin Stiftungsrat Frauenwinkel und Stv. Geschäftsführerin BirdLife Schweiz in Ruhestand

Christa Glauser

Liebe Christa, nach 36 Jahren bei BirdLife Schweiz und davon 23 Jahre als Stv. Geschäftsführerin bist Du seit diesem Frühling (teil)pensioniert. Was ist Dein Fazit nach 36 Jahren im Einsatz für die Natur?

Einerseits hat sich im Naturschutz in dieser Zeit einiges getan. Die Schweiz hat eine gute Biodiversitätsstrategie, wir wissen in vielen Bereichen, was zu tun wäre, aber bei der Umsetzung hapert es gewaltig. Seltsamerweise ist die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung der Ansicht, dass es der Natur in der Schweiz gut gehe, weil es vielerorts noch grün ist. Dass «grün» nicht gleich «naturfreundlich» ist, nimmt man nicht wahr.

Du hast bei BirdLife Schweiz den heutigen Naturschutz in der Schweiz wesentlich mitgeprägt. Was waren Deine Schwerpunkte?

Im Wald habe ich mich für mehr Totholz, Biotopbäume und breite Übergangsbereiche Wald-Kulturland eingesetzt sowie für einen evidenzbasierten naturnahen Waldbau. Bis um die Jahrtausendwende war Totholz bei uns nur ein Thema für Spezialisten. Totholz ist jedoch ein natürliches Element im Wald und beherbergt rund einen Viertel aller Waldarten, darunter viele Spezialisten. Natürlich lag mir die Pflege von Feuchtgebieten immer am Herzen, siehe unten, ebenso die Besucherlenkung. Mit der Kampagne Biodiversität im Siedlungsraum zeigt BirdLife die Bedeutung der Biodiversität im Siedlungsraum für Natur und Mensch auf. Bauen im Klimawandel lässt sich prima mit der Biodiversitätsförderung kombinieren.

Die Bearbeitung von Rechtsfällen führst Du auch nach Deiner Pensionierung weiter. Um welche Themen geht es dabei und welche Fälle begleiten Dich aktuell?

Das Verbandsbeschwerderecht gibt uns die Möglichkeit, Entscheide von Behörden durch Gerichte auf ihre Rechtmässigkeit prüfen zu lassen. Dass dies nötig ist, zeigt die hohe Quote von rund 80%, bei welchen Entscheide zugunsten der Biodiversität geändert werden. Zurzeit sind Fälle bezüglich erneuerbaren Energien und gefährdeten Tierarten aktuell. Immer wieder ein Thema ist die Umsetzung von ökologisch ausreichenden Pufferzonen bei Biotopen von nationaler Bedeutung.

Die Natur gerät auf vielen Ebenen unter Druck. Welches sind die dringenden Themen, die in den nächsten Jahren anstehen und angegangen werden müssen?

Wir haben in der Schweiz eine extrem intensive Nutzung im Kulturland. Einst häufige Arten wie die Feldlerche stehen heute auf der Roten Liste. Wir brauchen dringend Änderungen der Landwirtschaftspolitik, welche die Direktzahlungen so steuert, dass sie auch der Natur zugute kommen. Heute werden 3 Milliarden jährlich für die Landwirtschaft ausgegeben, jedoch nur 300 Millionen für den ökologischen Ausgleich.

Als Präsidentin bist Du seit der Gründung der Stiftung Frauenwinkel dabei. Weshalb hast Du damals das Präsidium übernommen und was waren Deine Ziele?

Die Stiftung ist aus der Arbeitsgruppe um die Schutzverordnung Frauenwinkel entstanden. Wir waren der Ansicht, man solle den Prozess weiterführen und zusammen mit Bewirtschaftenden, Gemeinde und Kanton die Bewirtschaftung des Frauenwinkels optimieren.

Was hat die Stiftung in diesen Jahren im Naturschutzgebiet Frauenwinkel Positives bewirken können?

Wir haben aufgrund von Inventaren der verschiedenen Artengruppen die Pflege des Frauenwinkels optimieren können. Zu Beginn wurden alle Flächen anfangs September gemäht, ungeachtet der vorkommenden Arten, welche z.T. einen wesentlich späteren Schnittzeitpunkt verlangen. Mit einer differenzierten Pflege kann nun viel besser auf die Bedürfnisse der vorkommenden Arten eingegangen werden. Nach dem Fällen der Pappelallee begannen auch die Kiebitze wieder zu brüten. Zudem gelang es, die Besucherlenkung so zu verbessern, dass störungsfreie Flächen für die Tiere aber auch spannende Flächen für die Erholung resultierten. Am Seeufer führte die Stiftung zahlreiche Aufwertungsmassnahmen durch und konnte so die Erosion stoppen wie auch den Schilfgürtel im Pfäffikerried wieder massiv ausdehnen.

Welche Herausforderungen siehst Du auf den Frauenwinkel in den nächsten Jahren zukommen?

Ein riesiges Thema wird die zunehmende Sommertrockenheit, bzw. die Sicherung des Wassers im Ried sein. Letzten Winter haben wir mit dem Einbau von Staustufen in den Gräben begonnen, damit Wasser im Ried zurückbehalten werden kann. Weiter werden Teiche nötig sein, welche sich möglicherweise im Zusammenhang mit den endlich anzugehenden Nährstoffpufferzonen anlegen lassen.

Gibt es Projekte, Hobbys etc., die Du nach deiner Pensionierung «endlich» angehen möchtest?

Bei uns in der Gemeinde war eine Initiative erfolgreich, welche vermehrt Projekte für die Biodiversität gefordert hatte. Diese müssen nun in den nächsten Jahren ausgearbeitet und umgesetzt werden. Geniessen werde ich sicherlich vermehrt Freunde zu treffen oder mehr Zeit in der Natur verbringen zu können. Auch ein gutes Buch liegt bei mir immer auf dem Nachttisch.

Liebe Christa, Wir danken Dir herzlich für Dein Engagement bei der Stiftung Frauenwinkel und Deinen unermüdlichen Einsatz für den Naturschutz in der Schweiz. Wir wünschen Dir alles Gute.

Autor:in

Philippe Keiser

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